Designerportrait
Oliver Heilmer

Design muss polarisieren

Hier stellen wir immer eine/n aufstrebende/n Designer/in oder ein Designbüro aus der Interior-Branche vor. Diesmal machen wir eine Ausnahme und lassen Oliver Heilmer zu Wort kommen. Ebenfalls ein Kreativer. Doch statt Möbel oder Leuchten entwirft er Autos. Und zwar für die Kultmarke Mini, zu der Mini-Fahrer bekanntlich ein besonders emotionales Verhältnis haben. Doch die Automobilbranche befindet sich im Umbruch. Umso spannender zu erfahren, wie ein junger Fahrzeug-Designer die Zukunft gestalten will.

Für Oliver Heilmer, seit September 2017 Leiter Mini Design, ist Design nicht nur Beruf, sondern Berufung. Seine Vorstellung von guter Gestaltung, seine Pläne für die Zukunft der Marke Mini und warum es dafür auch Mut und Veränderung braucht, verrät der 43-Jährige im Interview.

1. Warum sind Sie Automobildesigner geworden, Herr Heilmer?

Seit ich denken kann, haben mich Autos unglaublich fasziniert. Ich habe schon immer welche gezeichnet – mit Begeisterung. Als Kind habe ich zusätzliche Spoiler über die Fotos in Autozeitschriften gemalt. Später begann ich, eigene Fahrzeuge zu entwerfen und zu zeichnen. Entsprechend schnell war klar: Ich will Autodesigner werden. Zu der Zeit kein allgemein bekanntes Berufsbild wie Arzt oder Jurist. Im familiären Umfeld gab es durchaus Fragezeichen. Ein Vorpraktikum bei einem bekannten Automobilhersteller in Stuttgart hat mich noch mehr darin bestärkt, dass ich genau das für den Rest meines Lebens machen wollte. Auch wenn ich damals noch nicht ahnen konnte, dass mich das dorthin führen würde, wo ich heute bin.

2. Was ist für Sie „gutes Design“?

Es ist in sich stimmig und spiegelt einen Zweck wider. Die Funktion muss durch die Form sofort erkennbar und nutzbar sein. Das hat nicht unbedingt etwas mit Schönheit zu tun. Und: Für mich ist ­gutes Design nicht zu laut, muss aber ein Stück weit polarisieren – ansonsten läuft es ­Gefahr, beliebig zu sein. Es gibt durchaus Beispiele im Fahrzeugdesign, die zunächst stark polarisiert haben und dennoch oder gerade deswegen Wegbereiter für ein ganz neues Fahrzeugsegment waren. Der ‘BMW X6’ ist so ein Beispiel. Gute Gestaltung muss nicht zwangsweise von ­einem Designer kommen, allerdings ist ein Gespür für Ästhetik notwendig. Das Blech für viele ­Karosserien automobiler Klassiker wurde in aufwendiger Handarbeit über Holz in Form geklopft. Das waren damals keine Desi­gner, sondern begabte Hand­werker mit genau diesem Sinn für die Einheit von Form und Funktion. 

3. Was bedeutet Mini für Sie? 

Mini verkörpert für mich eine selbstbewusste moderne Haltung, die weit entfernt ist von Luxus durch schiere Größe. Egal, wie exklusiv oder hochpreisig ein Mini ausgestattet ist, außen ist er immer kompakt. Für mich zeigt das, dass die Menschen, die ihn fahren, das vor allem für sich tun. Natürlich wollen sie eigenständig sein und ihre Persönlichkeit durch das Fahrzeug ausdrücken. Aber das machen sie über die inneren Werte des Fahrzeugs. Das macht Mini für mich klassenlos. Dazu kommt, dass viele Kunden eine einzigartige, tiefe Beziehung zu ihren Minis haben. Es ist eine sehr emotionale Marke – in dieser Form sehr selten im Automobilbereich.

4. Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Aktiv einen wichtigen Teil unser aller Zukunft zu gestalten und das Beste aus der spannenden Zeit machen. Natürlich wissen auch wir nicht genau, was die Zukunft bringt. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die technologischen Veränderungen, die wir erleben, positiv sein werden. Zu wissen, dass ich ­einen Beitrag dazu leisten kann, ist für mich jeden Morgen Antrieb genug, um aufzustehen. Was mich zusätzlich begeistert: dass Design die Möglichkeit bietet, aufzurütteln und manche Dinge kritisch zu hinterfragen. Das treibt mich an. Nur zu fordern und nichts vorzuschlagen reicht mir nicht. Das Erreichte, was bereits beeindruckend ist, zu verwalten, ist nicht mein Anspruch.

5. Was können wir also von Mini, insbesondere dem Design erwarten?

Mini verweilt nicht im Jetzt oder Gestern – auch wenn wir eine starke Historie haben. Der ‘Classic Mini’ wurde enorm zweck­gebunden und aus einem starken Bedürfnis entwickelt. U.?a. genau deswegen ist er heute eine Ikone. Diesen Kern möchte ich in die Zukunft übersetzen. Gerade der Spagat zwischen Tradition und Zukunftsorientierung macht die Arbeit so spannend. Und dabei darf, ja muss Mini provozieren. Wir sollten es uns öfter erlauben, mutiger zu sein – auch wenn das beinhaltet, Fehler zu machen. Letztendlich geht es um die Emotion. Mini ist für mich jetzt schon nicht mehr nur ein Produkt – sondern verkörpert eine Haltung. Sie steht für Veränderung und das urbane Umfeld: Das Mini-Herz schlägt im Ballungszentrum. Und für mich bedeutet Mini definitiv Diversity – das Gegenteil von Monokultur. Man könnte es zusammen­fassen als grundsätzliche Offenheit den Dingen gegenüber. Und ich glaube, dass Mini hier deutlich mehr kooperieren muss. Kooperationen, die nicht nur einen enormen Abstrahleffekt haben, sondern vor ­allem auch über den Kontext Fahrzeug hi­naus denken – so wie wir das bereits mit Mini Living und Mini Fashion machen. Ich bin überzeugt, dass die Marke auch über das Fahrzeug hinaus funktioniert. Und die dafür essenzielle Vernetzung würde ich gerne forcieren.

5. Welche Themen möchten Sie darüber hinaus vorantreiben?

Aus meiner Sicht ist es eine Marke, die sich stetig weiterentwickeln, ja sogar ­verändern muss. Was wir bis heute in puncto Produktpalette auf die Beine gestellt haben, ist sehr gut. Qualitativ sind wir so gut wie noch nie – besser als viele Wettbewerber. Trotzdem: Der Weg kann nicht nur evolutionär sein. Es kommen große Themen auf uns zu: Autonomes Fahren, E-Mobilität, Digitalisierung und Shared Services etwa. Die gilt es zu gestalten. Dabei ist mir wichtig, dass die Substanz von Mini ­authentisch bleibt. Es ist eine urbane Marke und das muss sie auch weiterhin verkörpern. Daher ist Mini für mich in Zukunft rein elek­trisch. Natürlich muss hinsichtlich der ­Infrastruktur noch viel passieren. Doch ich sehe die Zukunft positiv. Was uns noch sehr viel stärker beschäftigen wird, ist die Beziehung zwischen Fahrzeug und Kunde. Wir wissen, dass unsere Kunden eine einzigartige Beziehung zu ihrem Fahrzeug und sogar zur Marke haben. Wäre es dann nicht toll, in Zukunft auch auf eine Art und Weise kommunizieren und interagieren zu können, wie man es sonst nur von Personen und guten Freunden gewohnt ist, anstatt über Menüs und Klicks? Und da sehe ich großes Potenzial als Wegbegleiter.

6. 2019 kommt der erste rein elektrische Mini. Wie sieht er aus?

Es wird ein echter Mini sein. Sie können sich auf maximale Emotion und minimale Verkehrsfläche freuen. Seine elektrische Natur wird erkennbar sein. Durch unkonventionelle, innovative Details, die sowohl die bisherige traditionelle Welt zitieren und sie gleichzeitig mit neuen Technologien verbinden. 3D-Druck wird sicher ein Thema sein. Details kann ich noch nicht verraten, da wir aktuell intensiv am Design arbeiten und Entscheidungen noch vor uns liegen.




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