Portrait2
Bernhard Osann

„Ich überlege immer, was ich weglassen kann“

Passend zur Light + Building (unser Nachbericht in der arcade 3/18, ab S. 46) stellen wir einen jungen Designer vor, dessen (Licht-)Objekte ihre Wirkung durch eine konsequente, grafisch-minimalistische Formensprache erzielen. Bereits mehrfach prämiert, weiß Bernhard Osann die gestalterischen Chancen und Möglichkeiten gekonnt zu nutzen, die sich durch die neuen Lichttechniken eröffnet haben. 


Ein Regalbrett, bestehend aus einem dünnen Blechstreifen, der mit zwei Haken so an der Wand befestigt wird, dass er sich nach unten ein wenig durchbiegt. Diesen mehr als minimalistischen Entwurf stellte Bernhard Osann 2013 dem Ausnahmehersteller Nils Holger Moormann vor. Der fand Gefallen an dem reduzierten, unkonventionellen Ding, meinte jedoch: „Das wird wohl kaum ­verkäuflich sein.“ Was den eigenwilligen Möbelproduzenten aus dem Chiemgau allerdings nicht davon abhielt, das Produkt trotzdem ins Portfolio aufzunehmen. Sympathisch und typisch Moormann. Ein intelligent durchdachter Entwurf bedeutet ihm mehr als ein Umsatzbringer. Auch wenn das Regalbrett wie prophezeit kein großer Verkaufsschlager wurde, weist das Design doch viele Merkmale auf, die kennzeichnend sind für die Arbeiten von Osann, dessen super puristische Entwürfe bereits mehrfach prämiert wurden. 


Vor vier Jahren gründete der in Augsburg geborene Designer und dreifache Familienvater in Hamburg sein eigenes Büro. Nach einer Tischlerausbildung ­studierte er an der Wilhelm Wagenfeld Schule in ­Bremen Bildhauerei und später an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg Industriedesign. Was die Konstruktion all seiner Möbel und Leuchten auszeichnet, ist deren geometrisch-skulpturale Wirkung im Raum, die durch ­konsequente Reduktion entsteht. Osann: „Ich überlege immer, was ich noch weglassen kann.“ Diese Herangehensweise treibt er so auf die Spitze, dass am Ende nur einige ­wenige, präzise gesetzte Striche übrig bleiben. So wie etwa bei seiner Leuchte ‘Untitled‘, die auf der diesjährigen Light + Building bei Nemo zu sehen war. Federico Palazzari, der seit 2012 die Mehrheit des Mailänder Leuchtenherstellers hält, ließ sie produzieren, weil er ein Faible für das „strenge deutsche“ Formenvokabular des Designers hat. ‘Untitled’ besticht nicht nur durch ihre klare, filigrane Silhouette, sondern zugleich durch ihre große Beweglichkeit. Dank der raffinierten Gelenkverbindungen hat sie in jeder gewünschten Position den nötigen Halt. Dafür gab’s auf der Light + Building die Auszeichnung Best of Design Plus. 


Ein Beispiel dafür, wie geschickt Osann physikalische Gesetze nutzt, ist die ­Leuchte ‘Bird’, die, quasi wie ein Vogel, punktuell auf nur einem Fuß balanciert und dennoch nicht umkippt. Auf eine Tischkante aufgesetzt, pendelt sie sich immer so ein, dass der obere Teil eine Waagerechte und der untere, mittels Gewicht beschwerte Teil eine Senkrechte bildet. Das schmale LED-Modul ist in das Profil ein­gelassen und kann um die eigene Achse gedreht werden. Auch ­dafür heimste Osann den Best of Design Plus ein. Das Urteil der Jury: „Das grafisch erscheinende, minimal durchgeführte und so­mit zeitlos wirkende Design besticht als intelligent gelöster Balanceakt.“ Letzteren beherrscht auch die Standleuchte ‘Neo’. Sie lehnt lässig an der Wand und nutzt diese zugleich als Diffusor. Osann: „Normalerweise haben Stehleuchten ja einen Sockel, der störte mich, deshalb habe ich auf ihn verzichtet.“ Und ­siehe da, das Leuchtobjekt kommt gut ohne aus. Für den sicheren Stand des zweifach gebogenen Stabs sorgen Berührungspunkte zu Wand und Boden aus Silikon. Preis­würdig, befand die Jury des Pure Talents Contest auf der imm cologne 2017 und vergab den 1. Platz an den jungen Meister der Reduktion. Der tüftelt derzeit an weiteren Entwürfen für Nemo, und auch einige neue ­Möbel-Ideen will er in die Tat umsetzen.


Heike Gessulat


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