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TODD BRACHER

„Wir werden alles infrage stellen“

Seine Stärke ist die Fähigkeit zur Analyse. Den Dingen auf den Grund zu gehen und Vor-definiertes zu hinterfragen. Der Amerikaner Todd Bracher, von der imm cologne als Guest of Honour nominiert, wird auf der kommenden Messe ‘Das Haus – Interiors on Stage’ gestalten. Eine Aufgabe, die er vor allem als Forschungsauftrag versteht. arcade verriet er schon vorab, welchen Design-Ansatz dabei verfolgen will. „Bevor ich vor zwei Jahren Vater wurde, was meine internationalen Reisen ein wenig reduziert hat, habe ich die imm cologne oft besucht. Eine ausgezeichnete Plattform“, erklärt Todd Bracher. Für den 42-jährigen US-Amerikaner, der in der Interior-Szene längst kein Unbekannter mehr ist und ein Designstudio in Brooklyn betreibt, ist es eine „willkommene Überraschung“, auf der kommenden Kölnmesse als Guest of Honour die Design-Installation ‘Das Haus’ realisieren zu dürfen.

Jedes Jahr wird hier einem einflussreichen Kreativen die Möglichkeit gegeben, ein Wohnhaus-Konzept zu entwickeln, das auf der imm als begehbares 1:1-Modell präsentiert wird. Ein rundum lobenswertes Projekt, das, seit es vor sechs Jahren von der Messe ins Leben gerufen wurde, bei Besuchern, Ausstellern und Designern gleichermaßen für Begeisterung sorgt(e). Weil alle davon profitieren: Aufstrebende Kreative haben fernab von Baubestimmungen, Normen und Konventionen die Chance, ihre ganz per­sönliche Handschrift, ihre Wohnideen und Vorstellungen anhand des Modells umzu­setzen. Ein fantastisches Experimentierfeld, um individuelle Denkansätze im Hinblick auf zukünftiges Wohnen nicht nur zu entwickeln und zu erproben, sondern sie auch einem breiten professionellen Publikum zugänglich zu machen. Dass es quasi nebenbei eine grandiose Plattform ist, um Industrie und Auftraggeber auf sich aufmerksam zu machen, versteht sich von selbst. Viel Beachtung erfahren zudem natürlich auch jene Hersteller, deren Möbel, Stoffe, Leuchten und Accessoires der Designer für das ‘Haus’-Interior auswählt.

Und für Messe-Besucher offenbart sich mit dem ‘Haus’ eine spannende Sicht auf mögliche, neue Wohnformen und gewährt darüber hinaus Einblicke in den persönlichen Kosmos des jeweiligen Designers. Dessen Heran-gehens- und Denkweise, ja, letztlich dessen Sicht auf die Welt kennenzulernen und zu entdecken – genau das macht das Projekt so attraktiv. So bezog etwa Sebastian Herkner („Bauherr“ der zurückliegenden imm) Stellung zu den aktuellen politischen Abschottungstendenzen Europas, indem er seinen Fokus auf die Konzipierung eines besonders offenen, gastfreundlichen Hauses legte und Gäste vor Ort sogar be-kochen ließ.

Letztlich liegt es an der Wahl der eingeladenen Designer, was wir zu sehen bekommen. Und in dieser Hinsicht haben die Messe-macher – allen voran Art-Director Dick Spierenburg – bisher ein sicheres Händchen bewiesen. Insofern darf man auch auf den Amerikaner Todd Bracher sehr gespannt sein, der bereits mit bekannten Marken wie Cappellini, Fritz Hansen und Zanotta zusammenarbeitet und überdies mit der „Alten Welt“ bestens vertraut ist. Denn der Sohn eines Tischlers, geboren und aufgewachsen in New York, hat nicht nur dort, sondern auch in Kopenhagen studiert. Darüber hinaus lebte und arbeitete er einige Jahre in Mailand, Paris und London, war u.a. Creative Director bei Georg Jensen, bevor er in Brooklyn sein eigenes Studio gründete. Seine Entwürfe sind minimalistisch, konzentrieren sich aufs Essenzielle und sollen im Zusammenhang mit der Umgebung, in der sie stehen, verstanden werden. „Ich denke, dass Design etwas über den Kontext sagen sollte, nicht über den Gestalter“, erläutert uns der Kreative seine Philosophie. „Wenn man sich zum Beispiel die Natur anschaut, sind die Ergebnisse, die sie hervorbringt, nicht etwa willkürlich oder unausgewogen, sondern geben immer Antworten auf den Kontext, das Ökosystem. Alle Entscheidungen sind miteinander verbunden und er-geben eine perfekte Balance für das Überleben, die Effizienz und die Differenzierung“, erklärt der New Yorker. Zwar sei ihm Schönheit ebenso wichtig wie die Funktion, sagt er, doch beides sollte miteinander in Verbindung stehen. Deshalb, so meint er, sollte gutes Design zunächst die Bedürfnisse des Nutzers befriedigen, um ein Ergebnis zu liefern, das in perfekter Harmonie zur Umgebung steht.

Dass seine imm-Installation diese ganzheitliche Betrachtungsweise widerspiegelt, ist ihm wichtig. Deshalb interpretiert er seine Nominierung zum ‘Haus’-Bauer in erster Linie als Forschungsauftrag. „Wir wollen herausfinden, welche Wohnbedürfnisse wir heute tatsächlich haben. Wie wir wirklich leben wollen. Wir werden darum alles infrage stellen, was ein Heim im kulturellen Kontext ausmacht.“ Um das Wesentliche, die Essenz herauszuschälen, stellt er Fragen. Brauchen wir tatsächlich ein Esszimmer? Haben wir nicht dringendere Bedürfnisse? Brauchen wir zum Beispiel Ruhe-Räume? Oder Räume in denen wir kreativ sein können? Oder auch zerstörerisch?
Bracher: „Ich weiß es nicht. Aber wir werden es erforschen. Und ‘Das Haus’ wird das Ergebnis sein.“

Heike Gessulat


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