Pritzker-Preisträger RCR Arquitectes

Ein kulinarischer Tempel, der Rätsel aufgibt

Der diesjährige Pritzker-Preis geht an ein Architekten-Trio, das seinen katalonischen Wurzeln stets treu geblieben ist. Diese Heimatverbundenheit gepaart mit Weltoffenheit sowie die intensive,  gemeinschaftliche Zusammenarbeit der Drei waren ausschlaggebend für die Entscheidung der Jury. Wir stellen das spanische Büro und einen ihrer eindrucksvollen, jüngsten Entwürfe vor: das Restaurant Enigma, betrieben von den weltbekannten Ausnahme-Köchen Ferran und Albert Adrià. Entstanden ist ein traumgleicher Ort, realisiert in Zusammenarbeit mit Neolith.

Es ist das erste Mal, dass der Pritzker-Preis (dotiert mit rund 95.000 Euro) nicht an einen, sondern an drei Architekten vergeben wird. Und zwar an die spanischen Baumeister Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta, kurz: RCR Arquitectes. Seit fast 30 Jahren arbeitet das Trio bereits zusammen. Gegründet 1988, gehören Wohnhäuser, Kindergärten und Schulen ebenso zum umfangreichen Portfolio des Planungsbüros wie öffentliche Räume, Museen, eine Bücherei oder ein Seniorenheim. Die Jury begründete die Preisvergabe an die in Katalonien lebenden und tätigen Architekten mit deren Heimatverbundenheit ­gepaart mit Weltoffenheit. Angesichts der Globalisierung fürchteten Menschen heute  häufig den Verlust heimischer Werte und Traditionen. Aranda, Pigem und Vilalta zeigten jedoch, dass es durchaus möglich sei, unsere Wurzeln fest an einem Ort und ­„unsere Arme dem Rest der Welt entgegengestreckt“ zu haben.
Ein besonders beeindruckendes Beispiel ihrer Baukunst ist die Geschichte des Enigma (griechisch: Rätsel). So heißt das jüngste ­Restaurant der weltberühmten katalanischen Köche Ferran und Albert Adrià, die in den 90er-Jahren eine völlig neue, aufregende Küche kreiert und schließlich die Molekularküche erfunden hatten, die sich mit biochemischen Prozessen auseinandersetzt. Gelegen im Süden Barcelonas, dort, wo auch die anderen fünf Lokale und Bars der Brüder Adrià ansässig sind, entstand in Zusammenarbeit mit RCR Architekten das anspruchsvolle Enigma. Wie der Name schon verheißt, ist es ein wundersamer, rätselhafter Ort. Zauberhaft und entrückt, fast wie aus einer anderen Welt. Ein Ort, der zugleich Ausdruck der außergewöhnlichen, experimentellen Kochkunst ist, als auch den Werdegang der Ausnahme-Küchenchefs widerspiegelt. Drei Jahre dauerte die Entwurfsphase. Das Schlüssel-Element des spektakulären Interiors war schließlich ein Bild in Blau-Weiß, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Architekten Pau Llimona, in der Größe zweier Din-A3-Blätter. Diese mystisch wirkende Melange sollte sämtliche Bodenflächen, Wände, Schränke, Arbeitsplatten und Tische überziehen. Dabei wünschten sich die Architekten eine multisensorische Oberfläche, die sowohl fürs Auge als auch für die Haptik interessant sein sollte. Die Wahl fiel auf Neolith, eine hochwertige, gesinterte Kompaktoberfläche mit revolutionären physischen und technischen Eigenschaften im Hinblick auf Verdichtung, Widerstandsfähigkeit und Halt- barkeit. „Neolith ist ein Unternehmen, das in die Produktforschung und die Suche nach neuen Materialien investiert. Die Bereitschaft, uns bei der Umsetzung unserer ungewöhnlichen Design- Visionen zu unterstützen, war großartig und erlaubte uns, ein einmaliges Werk zu schaffen, das die Bodenfläche von 700 qm in ein Gemälde aus Wasserfarben verwandelt. Es war ein Vergnügen, mit dem technischen Team zusammenzuarbeiten“, so die Architekten.
Die Kunst bestand zunächst darin, das ­abstrakte Dessin vom Papier auf die Flächen zu bringen. Eine echte Herausforderung, wie sich herausstellte. Carlos Garcia, Produktdesigner bei Neolith by TheSize, ­erläutert: „Wir mussten den ursprünglichen Entwurf vergrößern und dabei versuchen, die Qualität der Original-Zeichnung möglichst beizubehalten.“ Als das geschafft war, ging es darum, eine exakte farbliche Übereinstimmung herzustellen. Die Farbintensitäten mussten mit den weiteren Materialien und der Innenausstattung des gesamten Raumes zusammenpassen, um eine einheitliche Umgebung zu kreieren, in die der Gast vollständig eintauchen kann. Das ­Ergebnis ist eine traumartige Landschaft, „ein einnehmender Raum, der verschmilzt und verschwindet, und so etwas wie ein ­Labyrinth darstellt“, so die Architekten. Für die Gäste ist der Besuch des Enigma in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Erfahrung, die nicht nur die Geschmacksnerven kitzelt, sondern sämtliche Sinne aktiviert. Glücklich der, der eine Reservierung ergattert, denn nur 24 Plätze offeriert die Location. Und die sind schon jetzt auf lange Zeit ausgebucht.

Foto: Wie in einem Versuchslabor arbeiten die Köche des Enigma an ihren Kreationen. Das Konzept des Geheimnisvollen zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Restaurant. Ziel der Architekten war es, die Gäste in einen „kulinarischen und sinnlichen Traumzustand zu versetzen.“ Realisiert wurde die Innenraumgestaltung mit Neolith. Dabei wurde das Dessin der Original-Zeichnung auf die unterschiedlichen Oberflächen übertragen.

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