Sylvia Leydecker im Interview

„Heilende Räume“ für mehr Lebensfreude

Funktion und Emotion: Im Healthcare- und Pflegebereich geht es nicht nur um Krankheit, sondern vor allem um Gesundheit – und eine wohltuende Aufenthaltsqualität, die die Genesung fördert. Doch wie sehen „heilende“ Räume aus? Und wo gibt es vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung noch Nachholbedarf? Wir haben Sylvia Leydecker befragt – als eine der führenden deutschen Innenarchitektinnen (BDIA) liegt der Fokus ihres Büros 100% Interior auf dem Thema Gesundheitswesen, hier vor allem auf Krankenhäusern und Privatpatienten. Soeben erschienen ist hierzu auch ihr Buch ‘Das Patientenzimmer der Zukunft’.

Frau Leydecker, wie sieht für Sie eine optimale, wohltuende und „heilende“ Innen­architektur im Gesundheits- und Pflegewesen aus?
Sylvia Leydecker: In erster Linie schafft sie Lebens- und Aufenthaltsqualität, indem sie insbesondere den Bezug zur Natur bietet, emotionale Bedürfnisse der Patienten nach Geborgenheit befriedigt. Ängste werden 
gemindert und Vertrauen in die medizinische Leistung gefördert, indem das stimmige Konzept aus Material, Farbe, Licht etc. Hand in Hand mit der Haltung des Hauses geht. 
Heilende Innenarchitektur bietet wohl­tuende Sicherheit und Entspannung, wobei die passende Funktionalität den unauf­fälligen Rahmen für eine gelungene Ge­staltung bietet. Dabei können Details wie der Ausblick in den Himmel, akustisch 
gedämpfte Geräusche, die haptisch angenehm geschwungene Form eines Handlaufs oder belebendes circadianes Licht eine wesent­liche Rolle für ein Gefühl des Wohlbefindens im Gesamtkonzept spielen.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung werden Healthcare-Projekte für die Bau- und Architekturbranche immer wichtiger. Wie ist die tatsächliche Nachfrage? In welchen Bereichen bemerken Sie die größten Veränderungen? 
Sylvia Leydecker: Auf der einen Seite werden zwar Pflegeheime und betreutes Servicewohnen gebaut, auf der anderen Seite sehe ich aber, dass barrierefreie Wohnungen und Digitalisierung durch z.?B. Ambiant Assisted Living (altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben) und Telemedizin dafür sorgen, dass die Menschen länger in ihrem Zuhause wohnen bleiben können. Krankenhäuser müssen sich in Zukunft mit Multimorbidität, also Mehrfacher­krankungen, und Demenz befassen, sodass Stationen ent­stehen, die im Interior die veränderte Wahrnehmung und körperliche Eingeschränktheit der Patienten hinsichtlich ihres Alters berücksichtigen.

Und wo sehen Sie noch den größten Nachholbedarf? 
Sylvia Leydecker: Den sehe ich nach wie vor in der Gestaltung von Aufenthaltsqualität für Patienten, Angehörige und Personal sowie dem Markenauftritt des jeweiligen Betreibers. Ebenso hinsichtlich der Integration von Multikultur und Internationalität sowie darin, den Bedürfnissen demenzkranker alter Menschen und Kindern gerecht zu werden. Last but not least gibt es Nachholbedarf bei der Einbeziehung der fortschreitenden Digitalisierung und der damit verbundenen Prozess­optimierung und Sicherheit, um in Zukunft zu bestehen.

Warum wird auch im Privatbereich das Thema Healthcare immer wichtiger? 
Sylvia Leydecker: Zum einen spielt die Prävention, also das Erhalten der Gesundheit, eine immer größere Rolle. Das Bewusstsein für eine gesündere Lebensweise ist insgesamt gestiegen – auch mit zunehmendem Alter. Einhergehend mit einer verändern Philosophie, die sich durch Bewegung, Ernährung und seelische Achtsamkeit ausdrückt. Bei Krankheiten wiederum wird vermehrt digitale Unterstützung genutzt. Sei es durch eine simple App, die die Vital-Daten überwacht, oder eine bewusstere Work-Life-Balance, mithilfe digitalen Fortschritts gezielt on- und offline zu gehen.

Welche aktuellen Entwicklungen, z.B. in Sachen Materialien, Oberflächen, Licht oder Digitalisierung, finden Sie zurzeit besonders spannend? 
Sylvia Leydecker: Für mich ist die Entwicklung, wie sich die Digitalisierung konkret in der Gestaltung z.?B. von Patientenzimmern auswirkt, besonders interessant. Was kommt nach dem Gipskarton und der Spanplatte? Dazu gehören smarte, perfekt zu reinigende hygienische Oberflächen, circadianes Licht, das den Verlauf des Tageslichts simuliert, ultrastarke und gleichzeitig leichte Materialien oder biegbare OLEDs, die die Kommunikation verändern. Aktuell ist außerdem die Frage spannend, wie der technische Fortschritt im Gesundheitswesen finanziert wird. Und wie sich in Zukunft die Problematik von MRSA, so­genannten Krankenhausbakterien, beherrschen und die Hygiene optimieren lässt.
Die Fragen stellte Brit Dieckvoss

Foto: 
Sylvia Leydecker verknüpft mit ihrem Büro 100% Interior die Kompetenzen Healthcare, Office, Branding und Neue Materialien. 

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