Oona Horx-Strathern im Interview

Ein völlig anderes Leben

Urbanisierung, Individualisierung, Wissenskultur, ­Mobilität, New Work: Die Megatrends unserer ­Gesellschaft verändern die traditionellen Wohn- und Arbeitswelten. Oona Horx-Strathern ist ­Trend­forscherin und weiß, warum wir heute viel ­individualisierter als früher leben, wie wir die ­Sehnsucht nach Gemeinschaft befriedigen und  ­warum ­Serviced Apartments und ­Coworking Spaces so gefragt sind.

Frau Horx-Strathern, als Trendforscherin blicken Sie kritisch auf Veränderungen in unserer Gesellschaft. Auch die beiden Lebensbereiche Wohnen und Arbeiten haben sich in den zurückliegenden ­Jahren stark gewandelt. Was haben Sie ­beobachtet?
Keine einfache Frage … Das ist Evolution, es gibt immer wieder langsam voranschreitende Veränderungen in der Gesellschaft. Man muss ein bisschen in die Vergangenheit schauen, um den aktuellen Stand zu verstehen. Früher hat man Arbeit und Zuhause als Lebens-Sphären getrennt gehalten, heute sind sie viel mehr verschmolzen. Menschen arbeiten und wohnen heute in „Third places“. Wir sind mobiler und flexibler – und das nicht nur physisch, sondern auch mental. Das heißt, wir können an anderen Orten wohnen, leben und arbeiten. Durch diese Verschmelzung wohnen und arbeiten wir in sogenannten „Third places“ oder auch im Verkehr. Das heißt aber nicht, dass wir kein Bedürfnis mehr nach einem Zuhause oder Heimat haben.

Das heißt, dass das grundsätzliche Bedürfnis nach einem Gefühl von Heimat bleibt?
Ja, aber vielleicht geht es dabei mehr um Gemütlichkeit. Heimat ist heute ein recht weiter Begriff. Sie kann nun ein ganz anderer Ort sein – eine Bibliothek, ein Flughafen oder eine Autobahn-Raststätte. Viele Leute reisen für die Arbeit und kommen dabei immer wieder an die gleichen Orte, an denen sich dann das Gefühl von Heimat einstellt. Bei mir ist es zum Beispiel eine Tankstelle, an der ich mein Elektro-Auto lade. Ich weiß, dass es dort einen guten Kaffee gibt und ich ein wenig entspannen kann. Es ist für mich eine Art „mobiles Zuhause“.

Heute scheint vieles zeitlich begrenzt und nicht mehr von Dauer zu sein. Dreht sich für die meisten Menschen alles nur noch um Zeit, Mobilität und Flexibilität?
Es gibt immer einen Trend und einen Gegentrend, es geht nicht nur in eine Richtung. Zum einen haben wir das Bedürfnis nach Mobilität und das Gefühl, dass alles schneller geht. Auf der anderen Seite gibt es aber auch den Gegentrend, den Trend zum Analogen und zur „Slow-Bewegung“. Die Synthese findet man in den „Third places“. Trotz oder gerade wegen des Gefühls der Schnelllebigkeit suchen wir nach ­Orten, an denen gefühlt wieder alles langsamer läuft. Manchmal geht man offline, sucht bewusst analoge Dinge oder man greift wieder zu haptischem Design, wie zum Beispiel in der Architektur beim „Comeback of Wood“. In Holz spürt man einfach die Zeit. Man sieht, dass es gewachsen ist.

Was sind die Gründe für die Veränderungen?
Wir arbeiten mit Megatrends. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von Trends. Der soziodemografische, der technologische und alle anderen Wandel sind miteinander vernetzt und haben Einfluss auf unsere Lebensbiografien. Wir sind individualisierter. Aber vor allem leben wir nun viel länger. Früher, z.B. im industriellen Zeitalter, ­wurde man 60 Jahre alt, hatte typischerweise ­einen Job, eine Familie und ein Haus oder eine Wohnung fürs gesamte Leben. Heute haben wir – weil wir viel länger leben – mehr Zeit für verschiedene Lebensphasen. Wir haben vielleicht drei, vier verschiedene Jobs oder nicht mehr nur eine Familie. Wir ziehen auch um. Diese andere Form der Mobilität hat natürlich Auswirkungen auf unser Leben.

Was hat die Menschen selbst und ihre Sichtweisen verändert?
Die Menschen haben sich angepasst. Wir leben nicht mehr im Industriezeitalter, sondern in einem Zeitalter des Wissens. Wir haben ganz andere Bedürfnisse und Visionen. Die Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung sind ganz andere.

Und jeder Mensch strebt dabei wahrscheinlich nach dem Höchstmöglichen?
Nicht unbedingt. Denken wir wieder an Trends und Gegentrends: Es gibt auch viele Menschen, die aussteigen und einfach nicht mehr mit der fortschreitenden Technologie mitgehen. Die Bedürfnisse sind sehr verschieden. Es gibt zwar eine allgemeine Richtung, aber immer auch noch die individuellen Bedürfnisse.

Foto: Oona Horx-Strathern kommt aus London. Seit mehr als 20 Jahren ist sie Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin. Sie schrieb Bücher über die Geschichte der Futurologie, die Architektur der Zukunft und arbeitete an zahlreichen Studien des Zukunfts­instituts mit. Sie teilt ihr Leben auf zwischen Deutschland, England und dem „Future ­Evolution House“, das sie mit ihrem Mann Matthias Horx in Wien baute.

Einen ausführlicheren Auszug aus dem Interview mit Oona Horx-Strathern lesen Sie in der aktuellen arcade. Hier geht’s
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Das komplette Gespräch mit der Trendforscherin finden Sie im arcade-Marktreport „Neue Objektfelder
– Serviced Apartments und Coworking Spaces“, den Sie
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