Dienstag, 08. Oktober 2019, 15:15 Uhr
Werkbundarchiv – Museum der Dinge

Dekor als Übergriff?

Die Ausstellung "Dekor als Übergriff?" zeigt mit Spritztechnik dekorierte Objekte namhafter und anonymer Gestalter*innen sowie die nüchternen, monochromen Gegenentwürfe aus dem Kontext von Werkbund und Bauhaus anhand von Sammlungen privater Leihgeber*innen.


Zacken, Streifen, Kreise, Quadrate, leuchtende Farben und kräftige Kontraste – keramisches Gebrauchsgeschirr mit abstrakt-geometrischem Spritzdekor erlebt ab Mitte der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre als günstiger moderner Massenartikel einen ungeahnten Boom. In Deutschland übertreffen sich mehr als 60 Betriebe im Variantenreichtum der Formen und Dekore für das seriell hergestellte Geschirr. Im Vordergrund steht dabei nicht mehr das handwerklich gefertigte Einzelstück, sondern die maschinelle Produktion durch mechanisch-technische Instrumente und Verfahren: mit Gussformen, Spritzapparaten und Schablonen. Die neuen Entwürfe orientieren sich an Motiven der zeitgenössischen Avantgarde-Kunst – dem Kubismus, Konstruktivismus und Expressionismus – sowie an der experimentellen Fotografie und am Neuen Bauen mit seinen kantigen Silhouetten.

Spritzkeramik ist für viele Menschen erschwinglich. Ein an Moden orientiertes Konsumverhalten setzt sich bis in die Haushalte auch der ärmeren Bevölkerung durch. Die Beliebtheit steht jedoch im Widerspruch zur Kritik am Ornament in der Gestaltungssprache der Moderne, die seit Adolf Loos’ Verknüpfung von »Ornament und Verbrechen« (1908) kontrovers diskutiert und später vom Deutschen Werkbund in der Ausstellung und Publikation »Form ohne Ornament« (1924) programmatisch aufgegriffen wird.

Warum ist die Spritzdekor-Keramik in der Weimarer Republik so viel erfolgreicher als das schlichte, ornamentlose Porzellan? Warum verschwindet sie Mitte der 1930er Jahre aus dem Warenangebot? In welchem Zusammenhang stehen die Dekore zu den Bildmotiven der künstlerischen Avantgarde und deren Verfemung als "entartet"? Und in welchem Verhältnis steht das Spritzdekor zum Kanon der klassischen Moderne? Mit Fragen wie diesen setzt sich die Sonderausstellung im Werkbundarchiv auseinander. Es ist der dritte Teil der Sonderausstellungsreihe 111/99 und ist vom 11. Oktober 2019 bis zum 10. Februar 2020 zu sehen.






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