Freitag, 12. März 2021, 09:05 Uhr
Raphael Gielgen, Trendscout Future of Work, Vitra

„Die Zukunft der Arbeit ist endgültig da“

Raphael Gielgen, Trendscout Future of Work bei Vitra, verrät im arcade-Interview, warum einige Unternehmen bereits auf dem Mars gelandet sind, während andere noch in Köln auf dem Hauptbahnhof stehen. Außerdem Thema: Mixed Reality in der Arbeitswelt, degenerierte Wohnungsbaumodelle, die Erlebnisgesellschaft nach Corona sowie die virtuelle Besichtigung der ­„Falcon 9“-Rakete von Elon Musk.

Herr Gielgen, normalerweise sind Sie 200 Tage im Jahr in allen Teilen der Welt ­unterwegs. Jetzt seit einem Jahr nicht mehr. Was macht die Pandemie mit Ihnen auf der Arbeitsebene?
Raphael Gielgen: Das war im ersten Jahr überhaupt kein Problem. Denn ich habe in den vergangenen Jahren – im übertragenen Sinne – so viel Holz gesammelt, dass ich noch lange heizen konnte. Dabei habe ich mich erstmal sogar nur um die dicken ­Stämme gekümmert. Ich konnte das eine Jahr also locker ­kompensieren, weil ich vorher sehr fleißig gewesen bin. Zudem sind die Menschen und die Institute etc. die Input liefern, zum Glück ja nicht weg, sondern senden weiterhin.
Wie funktioniert denn der Job Trendscout Future of Work?
Im Business-Kontext musst du immer denken, was ist mein Benchlearning wofür? So habe ich mich in diesen Job reingefuchst. Denn es gibt viele Menschen, die um ein Vielfaches intelligenter und belesener sind als ich. Deshalb war und ist mein Modell stets: Finde heraus, was die größten Treiber sind, die das Wesen der Arbeit verändern. Und wenn du weißt, was es ist, finde die Menschen, die es machen. Rede mit denen. Dabei habe ich gelernt, den Kontext zu verstehen und in Zusammen­hängen zu denken.
Und was macht Corona mit Ihnen als Mensch?
Es war schon eine Umstellung, die ich aber gut angenommen habe. Dass keiner fliegen konnte, ich also nicht der Einzige war, hat es mir leichter gemacht. Etwa ab Juni gab es jede Woche mindestens einen Tag in der Woche einen Termin, den ich mit dem Auto wahrgenommen habe. Das war eine super Abwechslung.
Der zweite Lockdown ist aber auf jeden Fall krasser als der erste.
Warum?
Weil die Messe gelesen ist. Wir sind auf dem Mars angekommen. Das ist Fakt – die Zukunft der Arbeit ist da. Alles, was ich mir habe vorstellen können, beziehungsweise worüber ich erzählt habe, ist Wirklichkeit geworden oder wird Wirklichkeit werden. Und natürlich habe ich mir dann die Frage gestellt: Was mache ich jetzt? Wem ­widme ich meine Zukunft? Ich bin also aktuell dabei, mich neu zu erfinden, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich habe mit 51 Jahren das Gefühl, dass ich nochmal etwas sehr Großes, sehr Neues entdecken kann.
Was heißt das konkret? Wie nähern Sie sich diesen großen Themen?
Ich muss dafür auf eine andere innerliche Ebene und in andere Kontexte rein. Ich muss das Büro verlassen und in die Nachbarschaften und in die Städte gehen. Also einerseits das Ökosystem der physischen Arbeit betreten, das bei mir zu Hause anfängt, mich in ein Co-Working-Café führt, in eine Hotel-Lobby oder auf den Vitra-­Campus. Genauso gilt es den virtuellen Raum der Arbeit zu betreten, sich mit dem Thema Mixed Reality zu beschäftigen. Darüber hinaus muss ich den Wesensraum des Menschen betreten, weil der sich komplett verändert. Diese ganzen Themen sortiere ich gerade.
Was macht die Corona-­Pandemie mit Vitra?
Eine Krise gibt immer Anlass für Innovation. Daher hat Vitra auch viele neue Initiativen gestartet wie die E-Paper-Reihe, den Summit oder ab März die digitalen Sessions. Es ist auch schön zu sehen, das Vitra Produkte hat, die stärker sind als die Zeit – wie es Udo Lindenberg mit einem Album-Titel ausdrückt.
Zudem verfügt Vitra über herausragende Assets, die es zukunftsfähig machen: Das Unternehmen versteht die Dimension des physischen Raums und damit auch das, was dieser Raum mit uns Menschen macht. Und auf der anderen Seite hat Vitra den Ur-Code oder Instinkt in Sachen Design.
Natürlich gibt es Studien, die besagen, dass im Büro zukünftig alles stattfinden wird, aber nicht in erster Linie Arbeit. Denn die lässt sich von überall machen. Und dieses Szenario gilt es nun zu überdenken. Dazu präsentiert Vitra ab Juni 2021 das neue Büro-Konzept „Club Office“.
Was macht Vitra also?
Auf der einen Seite gibt es Produkte, die bereits vor der Corona-Pandemie in der ­Pipeline waren und auf das Thema einzahlen. Das ist aber eher Zufll. Auf der anderen Seite haben wir auch neue Produkte am Start. Das fängt bei Accessoires an und hört bei Systemen, bei Mikro-Architektur auf, die komplett auf diese neue Welt hin entwickelt wurden. Vitra war gedanklich gut vorbereitet, ist ­flexibel und beweglich. Das Unternehmen hat die Kraft, sich zu verändern. Wenn jedoch Langlebigkeit Teil deines Produktcodes ist, kann die Dimension der Veränderung nie eine super­radikale sein. Vitra ist nie die Disruption, sondern immer die Evolution.
Ist das Verhältnis von physischer und digitaler/virtueller Ebene der Arbeit in der Pandemie endgültig in Richtung Virtualität gekippt?
Alle Beteiligten draußen wissen spätestens jetzt, dass es zwei wesentliche Orte der Arbeit gibt: den physischen und den virtuellen. Dass Arbeit an zwei Orten stattfindet, diskutiert nun niemand mehr. Der physische Ort ist ein Netzwerk mit den Knotenpunkten zu Hause, Büro, Co-Working-Bar etc. Die virtuelle: Die einfachste Ebene ist die 2D-, die große Ebene wird das ganze Universum der Mixed Reality. Das sind zwei große Engines.  

Das Interview führte Tino Eggert

Das Interview in voller Länge lesen Sie in der neuen arcade, die in wenigen Tagen erscheint. Sie möchten arcade regelmäßig erhalten? Hier geht's zum Print- und Digital-Abo.





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