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Montag, 27. Dezember 2021, 12:32 Uhr
Oona Horx-Strathern im Interview

„Playdoyer“ für Verspieltheit

Im neuen „Home Report“ des Zukunftsinstituts präsentiert Trendforscherin Oona Horx-Strathern erneut die wichtigsten Wohntrends für das kommende Jahr. Wir ­haben sie zu den Schwerpunkten des Reports, den aktuellen Branchen-Entwick­lungen und ihrem Plädoyer für mehr „Playfulness“ befragt.

Oona, mit dem „Home Report 2022“ formulieren Sie bereits zum vierten Mal ihre Wohntrends. Welches ist die stärkste Entwicklung der letzten Jahre?
Ich würde sagen, das Interesse an ökologischem Bauen und Einrichten von Wand und Boden über Farben bis zu ­Möbeln. Spannend ist die Diskussion um Circular Building – Bauen nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Zum nachhaltigen Bauen hat sich auch Ursula von der Leyen geäußert: „Wir stehen vor globalen Aufgaben. Und brauchen eine neue Bewegung, die unsere Städte und unser Wohnen nachhaltiger und lebenswerter macht“. ­Darum wird das Material Holz bei Möbeln und als Baumaterial immer gefragter (siehe S. 22/23: Trendseite Holz). Nicht nur wegen des Nachhaltigkeitsaspekts, sondern auch als ästhetischer und haptischer Gegenpol zu unserem zunehmend digitalen Leben.

Einer Ihrer drei Wohntrends 2022 heißt „Conscious Kitchen“ („Bewusste Küche“). Was muss man sich darunter vorstellen?
Ich liebe diesen Begriff (auch wenn ich ihn erfunden habe), denn es geht darum, dass die Küche auf ihre Ursprungsfunktionen zurückgeworfen wird: als Ort, der uns ernährt, an dem wir uns wohlfühlen. Dies ist einerseits eine Auswirkung der Pandemie, da die Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen und wieder verstärkt selbst kochen. Damit legen sie zunehmend Wert darauf, dass die Küche ihren Ansprüchen funktional und emo­tional gerecht wird. Daneben bezieht sich der Begriff auf den Megatrend Gesundheit, das wachsende Bedürfnis nach Wohngesundheit, Hygiene, Neo-Ökologie – der Fokus auf nachhaltige Materialien – sowie Individualisierung. Die Küche ist ein Ort, an dem die eigene Identität ausgedrückt wird, an dem wir aber auch mit anderen zusammenkommen. Wir erleben eine neue Ausgestaltung und Wertschätzung dieses Raumes. Die „Conscious Kitchen“ passt sich an unsere veränderten Bedürfnisse an und wird zur Werkbank unser Kultur. Man könnte sagen, sie ist nicht mehr das Herz des Hauses, sie ist der Motor.

Es gibt Slow Food- und Slow Fashion-­Bewegungen. Wir würden Sie das Pendant für den Interior-Bereich beschreiben?
Der Gegentrend zur Globalisierung zeigt sich auch in der Möbelindustrie: „Ultralokal“ und „regional“ sind die neuen Stichworte. Die Slow Furniture-Bewegung ist Treiber für den Wohntrend „FurNEARture“, ein weiterer Begriff, den ich kreiert habe. Er beschreibt den Trend zur Regionalisierung und zu mehr Nachhaltigkeit, der sich von der Lebensmittel-Branche nun auf die Möbelindustrie überträgt. Für Konsument:innen wird es immer wichtiger, wo und aus welchen Materialien Möbel gefertigt werden. Vielen ist bewusst geworden, dass es nicht gut ist, Möbel und -teile einmal um die Welt zu fliegen oder zu verschiffen. Sie achten nun auch bei ihrer Einrichtung darauf, dass der CO2-Fußabdruck möglichst gering bleibt. Nicht zuletzt während der Pandemie wurde zudem deutlich, wie fragil globale Lieferketten sein können. Der Fokus auf Nachhaltigkeit sorgt für eine neue Wertschätzung lokaler Handwerkskunst. Dafür sind Konsumierende bereit, einen höheren Preis zu zahlen und länger auf ein Möbel zu warten.

Warum plädieren Sie für mehr „Playfulness“ in unserem Alltag, unseren Städten?
Es mag paradox klingen, aber Verspieltheit ist durchaus eine ernste Angelegenheit. Happiness Professor Laurie Santos drückt es so aus: „Die Rückkehr zum Spaß ist entscheidend für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden“. „Playfulness“ wird oft mit Neuartigkeit oder Innovation gleichgesetzt, die aber gute und schlechte Seiten hat. Die Pandemie und die damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen etwa waren anfangs neu für uns. Sie lehrten uns aber – als sie lästig und langweilig wurden – etwas über die Notwendigkeit einer anderen Form von Neuheiten in unserem Leben. Ich fragte mich, wie Verspieltheit in Design- und Planungsentscheidungen für unsere Häuser, Gebäude und Städte erfolgreich angewendet werden kann. Das ist wichtig, denn Neugier schlägt die Brücke von Altem zu Neuem. Sie verwandelt Unwissenheit in Produktivität, macht mutig, befähigt uns, Wissen und Inspiration zu finden, um Lösungen für die dringendsten Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln.
Dieser Home Report enthält ein „Playdoyer“ für mehr Verspieltheit in unserem pandemieangepassten Leben – in Design, Architektur und Stadtplanung. Wenn es um die Zukunft geht, ist playful das neue smart.

Die Fragen stellte Brit Dieckvoss

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Foto: © Klaus Vyhnalek

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